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Neue Ausstellung in der Schlossbibliothek : „Was Arzneien nicht heilen…, heilt das Messer“ - Die Kunst der Medizin im Wandel der Zeiten

Gibt es einen Gesprächsstoff, der Sinne und Verstand der Menschen mehr beschäftigt als ihre Gesundheit? Siechtum und Tod lassen sich nicht endgültig verdrängen, auch wenn sie heute viel stärker tabuisiert werden als früher. So stellen Krankheiten, Krankheitslehren, der menschliche Körper und seine Anatomie von jeher, besonders aber seit Beginn der Neuzeit, ein natürliches Forschungsgebiet für die „Jünger des Hippokrates“ dar.

In einer auf umfassende Bildung bedachten Welt, wie es der Mikrokosmos des kleinen Territoriums  Solms-Laubach darstellte, war man früh bemüht, Medizinliteratur in die Bestände der gräflichen Bibliothek aufzunehmen. Die ersten Werke entstammen dem frühen 16. Jahrhundert, fallen also in die Zeit der Reformation und der Renaissance, die in unserer Region eine besondere Bedeutung erfuhr.

Berühmte Ärzte und ihre Erkenntnisse präsentieren sich mit ihren Büchern, die teilweise als Erstausgaben vorliegen.

Da stehen die Werke der ältesten im Abendland bekannten Ärzte, die meist ins Lateinische übersetzten Bücher des Hippokrates und Galens, beide bis heute nicht nur dem Namen nach  bekannt. Die „Vier – Säfte – Lehre“ Galens wurde noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts „ernst genommen“, und schon der vielleicht älteste Arzt, eben Hippokrates, gilt als Vorbild, nicht nur wegen des berühmten Eides, sondern weil er bereits Erfahrungswissen und vorurteilsfreie Herangehensweise über Dogmatik stellte.

Eine ganze Galerie berühmter Mediziner wird aufgefahren, jeder steht für eine Neuerung oder vertritt ein Spezialgebiet: so die „Opera Omnia“ des Paracelsus („alles ist Gift…“), Andreas Vesalius (Leichensektionen), die Engländer Willis (Neurologie) und Harvey (Blutkreislauf), Fabricius (Embryologie), der Däne Bartolinus (Lymphsystem) und der Holländer Tulpius oder „Dr. Tulp“, den Rembrandt auf seinem berühmten Gemälde im Kreise seiner Freunde und Kollegen anatomische Studien treiben lässt.

Der Mensch, aufgeklappt, sein Inneres nach außen gekehrt und die sichtbaren Organe mit Zahlen und einer Legende versehen – jetzt ist er kein Geheimnis mehr. Ein Kupferstich, der den Leser Zeuge sein lässt einer (lange als Gotteslästerung geschmähten) Zergliederung des toten Menschen, offenbart, wie die Zuschauer reagiert haben, wie sie sich entsetzt abwenden von dem geöffneten Bauch und den herausquellenden Eingeweiden, man meint aber auch den Erkenntnisschauder zu verspüren, der einige Wissbegierige ergriffen hat.

Wer sich heute fürchtet vor einer OP, dem Skalpell oder dem Laserstrahl, mag die „Armamentarii chirugici“ bestaunen, die, breit aufgefächert, die ärztlichen Werkzeuge vergangener Zeiten vorstellen. Ärztliche Kunst und Folter existierten lange nebeneinander und so deutlich mag der Unterschied für den Patienten nicht gewesen sein.

Dass es oft Schussverletzungen waren, die Ärzte so gut es ging heilen mussten, rührt von der Tatsache des Krieges her, der über Jahrhunderte Alltag war in Mitteleuropa. Ein riesiger Kupferstich aus Merians „Theatrum Europaeum“ zeigt die Schlacht bei Lützen im Dreißigjährigen Krieg.

Im nächsten Raum hat die Bibliothekarin einige Vitrinen dem Thema Frauen und Frauenmedizin eingeräumt: „Ob die Weiber Menschen sind“ bestimmte noch um 1800 allen Ernstes die Geschlechterdebatten, das Skelett einer Frau zu zeigen, schien daher legitim und notwendig. Schwangerschaft und Entbindung, natürliche Geburt oder Kaiserschnitt (der meist zum Tod der Frau führte, weshalb man ganz offen dazu riet, ihn bei jüngeren Schwangeren nicht anzuwenden), die Anatomie einer „secundina humana“, d.h. der Nachgeburt, überhaupt die Beschaffenheit des Inneren einer Gebärenden, das musste erst einmal bekannt werden.

Noch in der Mitte des 19. Jhs. waren Kindbettfieber und –tod nicht selten, und es bedurfte der ganzen Energie des österreichisch-ungarischen Arztes Semmelweis, seine Kollegen davon zu überzeugen, dass dafür ihre mangelhafte Hygiene verantwortlich war. Sie glaubten ihm nicht und sperrten ihn in die Irrenanstalt, wo er unter ungeklärten Umständen starb.

Kleidung und Mode(-torheiten) waren der Gesundheit der Frauen in der Mittel- und Oberschicht oft geradezu abträglich: allzu dünne Stoffe etwa trugen zu rascher Erkrankung bei, ebenso wie mörderische Schnürung, um einer Wespentaille vorweisen zu können. Abbildungen aus dem „Journal des Luxus und der Moden“ verdeutlichen es.

Überhaupt haben Krankheiten ihre Konjunktur: Seuchen wie Pest, Cholera und Aussatz (Lepra) sind überwunden in unseren Breitengraden, dagegen sterben heutzutage viele Menschen an Bluthochdruck und Herzinfarkt, den man mangels üppiger Ernährung in früheren Jahrhunderten naturgemäß nicht kannte.

Wie hat man geheilt, welche Arzneien kamen zur Anwendung? Das hat Trautel Wellenkötter in weiteren Vitrinen und auf großen Tafeln zusammen gestellt.

Pestbücher füllten ganze Regale, aber letztlich war man – mit Kampfer, Essig und Räucherwerk -  hilflos im Kampf gegen die Seuche, da der Erreger noch nicht entdeckt war. Die Syphilis („Franzosenkrankheit“) behandelte man mit Quecksilber und Arsen, die Kollateralschäden nahm man in Kauf, und destillierte Kräuter waren aus heutiger Sicht eher wirkungslos.

Und man hat praktisch alles destilliert, wie das Buch von Brunschwyk beweist. Einen ganzen Garten der Gesundheit („hortus sanitatis“) kann man beschreiten, wenn man die prächtig illustrierten und kolorierten Kräuterbücher durchblättert. Einige der mächtigen Folianten stammen noch aus dem späten 15. Jahrhundert.

Um die Arznei, insbesondere die Pharmazie, aber auch die Heilbäder und ihre Bade- und Trinkkuren geht es auf zwei weiteren Ausstellungsflächen. Auch hier steht Quacksalberei neben ernst zu nehmenden Hausmitteln, wie sie die sog. Hausväter-Bücher empfehlen. Dagegen ist die Zubereitung einer Tinktur nach alchymistischer Rezeptur allenfalls noch für das geschlossene Weltbild zu bewundern.

Am Ende steht der Tod.

Früher gab es eine „Ars Moriendi“, eine Kunst des (richtigen) Sterbens“, es wurden Totentänze in der bildenden Kunst dargeboten, und was die Bestattung anlangt, so lässt der endlos anmutende Trauerzug bei der Beerdigung des Landgrafen Moritz von Hessen erahnen, dass es einmal eine Begräbniskultur gab, die heute fast verschwunden ist: Einäscherung, anonyme Bestattung, sang- und klangloses Auseinandergehen sind fast schon die Regel.

Führungen nach Vereinbarung bis 1. November 2020. Selbstverständlich nur mit Maske und Handschuhem!, Kontakt: Gräfliche Verwaltung 06405-910 410, rentkammer@schloss-laubach.de oder 06405 - 13 48, wellenkoetter@t-online.de.