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500 Jahre Reformation. Luther und Co. in der Schlossbibliothek zu Laubach

An kaum einem anderen Ort kann man nachvollziehen, wie das Hand in Hand ging: Luthers Neues Testament(1522) als eine Art „literarischer Urknall“ war die logische Konsequenz seiner Wertschätzung der Schrift („sola scriptura“), und die rasche Verbreitung des Gesamtwerkes (1534) sorgte für einen Diskurs, d.h. die Kommunikation eines jeden mit jedem mittels einer gemeinsamen Sprache.
Nach dem Vorbild Luthers, der heiratete, Kinder zeugte und mit seiner Frau einen gastfreien bürgerlichen Hausstand gründete (vgl. seine „Tischreden“) , wuchs in Deutschland in den folgenden Jahrhunderten eine Kultur des evangelischen Pfarrhauses heran, die so manche Persönlichkeit, auch im Widerspruch und in der Abrede, hervorbrachte: erwähnt seien nur Lessing, Nietzsche, Gottfried Benn und… Angela Merkel. Wo, wenn nicht hier, gab es für die Kinder eine christlich-bürgerliche Erziehung, konnten sie auf Bücher, nicht nur theologische, zurückgreifen, wurde die Hausmusik gepflegt, waren Theater, Oper, Museen selbstverständliche Teile des Bildungsangebotes.
“Als unser Deutsch erfunden wurde“ kam es, vielleicht zum ersten Mal, dazu, dass so etwas wie Öffentlichkeit hergestellt und der Grundstein gelegt wurde für die Ausbildung Deutschlands zu einer Kulturnation.
Es ist nicht zu hoch gegriffen, wenn man diesen Paradigmenwechsel mit der IT-Revolution der 90er Jahre vergleicht. Wie jetzt waren auch damals die Folgen kaum absehbar.

Die Sonderausstellung „500 Jahre Reformation. Luther u. Co. in der Schlossbibliothek zu Laubach“ ist in der von Trautel und Burkhard Wellenkötter konzipierten Form auch geeignet, den Besuchern einen Überblick zu vermitteln über die Reformation in Europa. Sie war kein rein deutsches Phänomen und Luther nur einer, wenn auch der vielleicht genialste, ihrer Protagonisten.
Sie beginnt daher folgerichtig mit den Vorläufern (Hus in Böhmen, Wyclif in England), den Mitstreitern in Wort und Tat: Erasmus von Rotterdam, Ulrich von Hutten und Konrad Reuchlin sowie den Mitarbeitern, von denen Philipp Melanchthon der wichtigste ist, auch für Laubach, denn er hatte den Grafen Friedrich Magnus angeregt, eine Lateinschule zu gründen und damit auch eine Bibliothek anzulegen. Im Pilgerführer „Luthers Wormsreise und der Lutherweg 1521“ wird denn auch die Bedeutung der Schlossbibliothek mit ihren unzähligen Werken von und über den Reformator ausdrücklich hervorgehoben.
Eine Konstante in der weltanschaulich-religiösen Ausrichtung aller Menschen war die Furcht vor dem Jüngsten Gericht, vor dem Teufel und der Hölle.
In der Schedel`schen Weltchronik ist diese Angst Bild geworden: der Maler aus der Schule des Michael Wohlgemut lässt die Sünder von grässlichen Teufeln in den Orkus treiben, die Gerechten aber finden den Weg ins Paradies.
Die Gerechten sind die Menschen, die Gottes Geboten gerecht werden, und das geschieht nach Luther „sola fide“, nur durch den Glauben, nicht durch gute Werke, Geldspenden mittels Ablassbriefen.
Das ist Luthers zentrales Thema, das bewegt ihn zum Thesenanschlag am 31.Oktober 1517, das macht seine Kernbotschaft aus, dafür wird er gebannt und geächtet, und dafür streitet er wider den Papst und die Welt.
Viele seiner „Briefe“, eigentlich „Kurzbotschaften“, die er unermüdlich verfasste und die  sogleich gedruckt und verbreitet wurden, befinden sich zu Sammelkonvoluten gebunden in der Bibliothek, meist noch aus Luthers Lebzeiten. Er war der wohl meistgedruckte Autor seiner Zeit.
„Von der Freiheit eines Christenmenschen“, „An den christlichen Adel deutscher Nation“, „Von der Babylonischen Gefangenschaft der Kirche“, „Sendbrief vom Dolmetschen“ - das sind nur einige Titel der Schriften, die ausgelegt, bebildert und erläutert werden.
Dazu immer wieder Ansichten von den Hauptakteuren und den wichtigsten Schauplätzen: Luther und Katharina von Bora, Melanchthon, Friedrich der Weise, die Wartburg und Wittenberg und und und… Luther war auch einer der vielleicht am häufigsten porträtierten Männer seiner Zeit.

Über Philipp den Großmütigen führt eine direkte Linie zu dessen Halbbruder Friedrich Magnus zu Solms-Laubach, der 1544 in seinem Ländchen die Reformation eingeführt hatte (anders als sein Großvater Philipp zu Solms-Lich), und die unendlich vielen Schriften, Bildbände, Almanache und Sammelordner, die sich in der Bibliothek befinden, legen Zeugnis ab von der fortdauernden Beschäftigung mit dem protestantischen Glauben.
Laubach war ein Hort der Frömmigkeit – dafür spricht nicht nur die Tatsache, dass es zeitweilig auch ein Zentrum des Pietismus geworden war.
Im zweiten Saal werden Lebensspuren des Reformators und seiner Familie aufgezeigt, die über die Jahrhunderte hinweg kultisch verfolgt wurden: ganz anders als es Luther selbst gewollt hätte – von der Sammelbüchse des Kurrendesängers hin zur kitschig verklärten Weihnachtsfeier im Kreis der Familie. Auch die Figur der Katharina von Bora, „Herr Käthe“ genannt, die nach dem Tod Luthers in finanzielle Schwierigkeiten geriet, wird gewürdigt.

Und dann zeigen die Bibliothekare Bibeln und nichts als Bibeln. Allein 96 Lutherbibeln finden sich in der Schlossbibliothek, aber auch mehrere Ausgaben der lateinischen Vulgata von 1477, eine deutschsprachige aus der Zeit vor Luther, einige nach seiner Pioniertat (darunter die des Erasmus von Rotterdam), die Physica Sacra des Züricher Fossilienforschers Scheuchzer, eine Polyglotte (die Bibel in 6 Sprachen), mehrere Endter-Bibeln usw.
Die älteste Lutherbibel, die die Schlossbibliothek besitzt, stammt von 1525; es ist „ein Dritteil des Alten Testamentes“.
Von den knapp hundert Luther-Bibeln sind manche illustriert: die Feyerabend-Bibel enthält Bilder von Jost Amman, die Kurfürstenbibel wartet mit Zeichnungen auf: etwa der Arche Noah; im 19. Jahrhundert finden sich Künstler wie der „Nazarener“ Schnorr von Carolsfeld oder der berühmte französische Illustrator Gustave Doré. Eine moderne stammt von 1995 und enthält die Illustrationen von Walter Habdank.
Bibliophile Kostbarkeiten „ohne Luther“ sind im oberen Stockwerk zu sehen.

Die Ausstellung wird eröffnet am 19. April um 17 Uhr und wird bis Ende Oktober im Rahmen der Bibliotheksführungen mittwochs um 17 Uhr gezeigt.
Sonderführungen bitte anmelden unter 06405 / 9104-00 oder 910416 bzw. 06405 / 1348.
E-Mail: „rentkammer@schloss-laubach.de“ bzw. wellenkoetter@t-online.de